Worum es hier geht:

Auf der folgenden Seite haben wir am Beispiel einer Kurzgeschichte gezeigt, was eine Charakteristik ist und wie man sie erstellen kann:
https://textaussage.com/unterschied-charakteristik-zu-personenbeschreibung-steckbrief-beispiel-marc-zwollich-die-entscheidung

Hier zeigen wir ein zweites Beispiel, bei dem es um die Hauptfigur einer Novelle geht – also einer Erzählung zwischen Kurzgeschichte und Roman.

  1. Wir haben das mal am Beispiel einer Novelle von Heinrich von Kleist gemacht und erklären jetzt auch mal denen, die die Geschichte nicht kennen, wie man die „Marquise von O….“ – so auch der Titel der Novelle, charakterisieren kann.
    1. Zunächst geht es um das Allgemeine: Es handelt sich um eine „Dame von vortrefflichem Ruf“ und „Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern“.
    2. Sie ist Witwe, lebt im Haus ihres Vaters, eines Kommandanten einer Festung, die von russischen Feinden erstürmt wird.
    3. Aus dieser traditionellen Rolle einer adligen Frau um 1800 wird sie herausgerissen, indem sie zunächst im letzten Moment von einem russischen Offizier vor der Vergewaltigung gerettet wird, dann aber zu ihrer Verwunderung und schließlich Entsetzen trotzdem schwanger wird.
    4. Zunächst will sie es nicht wahrhaben, beschimpft sogar den behandelnden Arzt, dann muss sie die Verfluchung durch ihre Mutter und die Ausweisung aus dem elterlichen Haus durch den Vater hinnehmen.
    5. Aus dieser traditionellen Frauenrolle kann sie sich befreien, indem sie ihre Kinder gegen den Willen der Familie mitnimmt und beschließt, ab jetzt ein selbstständiges und selbstbewusstes Leben als treusorgende Mutter zu führen.
    6.  Schließlich geht sie noch einen Schritt weiter und wendet sich mit einer Art Suchanzeige an die Öffentlichkeit, in der sie dem ihr unbekannten Vater die Eheschließlung anbietet, um so für sich und ihre Kinder wieder für damalige Verhältnisse ehrbar-normale Verhältnisse zu erreichen.
    7. Als der russische Offizier, der inzwischen ahnt, dass er die hilflose Marquise nach der Rettung zur Mutter gemacht hat, sie um ihre Hand bittet, wird er stolz zurückgewiesen, weil die adlige Dame nicht weiß, dass er der Vater ist.
    8. Als sie dann bei einer Gegenüberstellung mit der Wahrheit konfrontiert wird, ist sie zunächst entschieden dagegen, einen Menschen, den sie erst als Engel empfunden hat und jetzt als Teufel betrachtet, auch noch zu heiraten.
    9. Sie lässt sich dann auf eine Vernunftheirat ein, bei der der Vater und Ehemann nur Pflichten, aber keine Rechte hat.
    10. Sie gibt ihm aber, weil er sich ihr gegenüber hochanständig und verantwortungsvoll verhält, am Ende doch noch eine Chance: Sie gibt ihm nach der Vernunftheirat jetzt auch noch ein Liebes-Jawort und lebt mit ihm und weiteren Kindern glücklich zusammen.
  2. In einem ersten Schritt sind wir jetzt die Handlung komplett durchgegangen, haben dabei aber immer auf die Marquise als Objekt der Charakteristik geachtet. Dieses „lineare“, der Erzählung folgende Verfahren hat den Vorteil, dass sich nicht nur die Grundstruktur einer Figur zeigt, sondern auch Veränderungen sichtbar werden.
  3.  Als nächstes kommt es jetzt darauf an, systematisch die entscheidenden Elemente herauszuarbeiten, die für diese Figur charakteristisch sind.
    1. Dazu gehört der Wechsel von der angepassten Situation und Haltung im ersten Teil der Novelle, bei der die Unterordnung unter die Eltern und die Moralvorstellungen der Gesellschaft dominieren,
    2. hin zu einer Haltung innerer und äußerer Autonomie. Kleist geht zunächst auf die „schöne Anstrengung“ (S. 27) ein, die die Marquise im Kampf um ihre Kinder zeigen muss, ein. Dann spricht er davon, dass die Marquise sich „plötzlich“ „hob“ (27) , also sich aufraffte und ein eigenes Lebenskonzept anging.
    3. Auch ist von „Stolz gegen die Welt“ (27) die Rede, d.h. die Marquise ist in der Lage, sich von einer Umgebung abzugrenzen, der sie nicht angehören kann und will.
    4. Zur Abgrenzung gehört die Konzentration auf die Ausbildung und das Wohlergehen der Kinder.
    5. Sie lässt sich von diesem selbstbestimmten Leben auch nicht durch den Antrag des Offiziers abbringen, solange sie den wahren Hintergrund und seinen wirklichen Charakter noch nicht kennt.
    6. Erst als sie durch die Hilfe der Mutter, die sich auch gewandelt hat, wieder als unschuldig in die Familie aufgenommen worden ist, lässt sie sich dann auch noch zu dem Deal einer distanzierten Pflicht-Ehe überreden, vor allem zum Wohl der Kinder.
    7. Zu ihrem Charakter gehört dann aber auch, dass sie bereit ist, den Wandel des Offiziers anzuerkennen, der in wirkliche Liebe und Verantwortung mündet. Sie gibt ihm eine Chance und dann das echte Ja-Wort.
    8. Wichtig ist, dass sie am Ende das letzte Wort hat und ihrem Mann erklärt, warum sie bei der Eröffnung der Wahrheit (sie ist von ihrem Retter in einem Moment der Hilflosigkeit geschwängert worden) erst so heftig auf ihn reagiert hat. Es ist der Kontrast von Engel und Teufel gewesen, der sie zunächst fassungslos gemacht hat.
    9. Erst als der Offizier seinen wahren Charakter gezeigt hat, was seine Tat als Fehltritt erscheinen ließ, hat sie ihm eine neue Chance gegeben.
    10. Insgesamt ist die Marquise vor diesem Hintergrund zu Recht als Hauptfigur im Titel genannt worden. Sie ist letztlich ohne Schuld in eine schlimme Lage geraten, hat sich aus ihr herausgekämpft und zunächst ihre Würde zurückgewonnen und schließlich das Beste für sich und ihre Kinder aus allem gemacht. In vielem kann sie daher durchaus als Vorläuferin moderner selbstbewusster Frauen gesehen werden.

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